So trennst Du Dich von langen Wörtern und Sätzen – mit Beispielen und Übungen

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Seit Jahren hältst Du langen Wörtern und Sätzen die Treue? Hier erhältst Du Deine Scheidungspapiere.

Wörter kürzen: so geht’s

Brich mit der deutschen Tradition des Wortzusammensetzens

Der deutsche Wortschatz ist unglaublich groß. Sollte man meinen, doch eigentlich leben wir nur im Land der Dichter, Denker und Wortzusammensetzer. Ein Beispiel: Kartoffelbrei ist ein eigenes Wort im Deutschen. Auf Italienisch oder Französisch sagt man „Brei aus Kartoffeln“, im Englischen sagt man mashed potatoes, also pürierte Kartoffeln. Die deutsche Sprache hingegen verheiratet Brei und Kartoffeln zu einem neuen und längeren Wort.

Das ist für den Kartoffelbrei und seinen Leser nicht besonders tragisch. Das Wort ist geläufig und nicht außergewöhnlich lang. Doch betrachten wir einen wahren Bandwurm, den wir in den letzten Monaten viel zu häufig getroffen haben: die Ministerpräsidentenkonferenz.

Da läuft es einem gleich kalt den Rücken runter. Ich gebe zu, das liegt nicht nur an der Länge des Wortes, sondern auch an seiner Bedeutung. Aber schöner wird das Wort durch seine Länge nicht. Auch eine Wasserrutschengeschwindigkeit ist nicht der Stoff, aus dem die Träume der Leser sind.

Verben als Gegengift für unnötig lange Wörter

Wie beseitigen wir also die Ministerpräsidentenkonferenz? Keine Angst, es geht nur um das Wort. Konferenz der Ministerpräsidenten? Ministerpräsidenten-Konferenz? Das ist beides schon besser als zuvor. Aber gibt es keine elegantere Lösung?

Am Freitag fand die Ministerpräsidentenkonferenz statt

Wird zu

Am Freitag trafen sich die Landeschefs (zu ihrer Konferenz)

Der positive Nebeneffekt: aktiver Stil

Aus den Ministerpräsidenten wurden die kürzeren Landeschefs und aus der Konferenz ein aktiver Vorgang. Durch die Beseitigung des Bandwurms haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Neben einem zu langen Wort wurde der unschöne Nominalstil vermieden.

Bindestrich und Genitiv-Konstruktionen können, wie oben erwähnt, ebenfalls helfen. Sie sollten allerdings nicht Deine erste Wahl sein. Ausnahme: Du möchtest beispielsweise ein geflügeltes Wort beibehalten (siehe oben: der Stoff, aus dem Leser-Träume sind).

Hier kannst Du Dich entscheiden: Du bleibst bei der Variante mit Bindestrich oder Du löst die Konstruktion mit einem Genitiv auf (der Stoff, aus dem die Träume der Leser sind).

Oder Du formulierst das Ganze aktiv und trennst dich vom geflügelten Wort (auch von einer Wasserrutschengeschwindigkeit liest niemand gerne). Wenn Du lange Wörter in Deinen Texten infrage stellst, sorgt das in jedem Fall für ein besseres Gesamtergebnis.

So trennst Du lange Sätze

Lange Sätze entstehen meist, weil Du als Autor Deinen Gedanken zu Ende bringen willst. Du möchtest eine Begründung oder Folge des Gesagten gleich mitliefern. Denn für Dich gehören die beiden Aspekte zusammen – doch oft überfordern wir damit den Leser.

Ein Gedanke pro Satz ist eine gute Grundregel, aber bedenke dabei: Eine Begründung oder andere Ergänzung ist nicht Teil des ursprünglichen Gedankens. Mehr zum Thema Sätze kürzen erfährst Du im Artikel Texte kürzen: Tipps, Tools und Übungen.

Besonders tückisch: Für den Leser erschließt sich die Bedeutung des Satzes erst mit dem Verb. Doch Relativsätze schieben sich oft zwangsläufig zwischen Subjekt und Prädikat des Satzes. Das macht sie zu unnötigem Ballast, der an eine andere Stelle gehört.

Ein Relativsatz ist ein Nebensatz, der ein Nomen näher beschreibt. Er wird mit einem bestimmten Artikel (der, die, das) eingeleitet. Hier steht der Relativsatz am Ende des Satzes (der ein Nomen näher beschreibt). Somit verwirrt er den Leser nicht. Bezieht man ihn allerdings auf das erste Nomen im Satz, ist das Ergebnis nicht zielführend: Relativsätze, die ein Nomen näher beschreiben, sind Nebensätze. Das „sind Nebensätze“ lässt zu lange auf sich warten und macht den Satz schwerer verständlich.

Schlüssige Inhalte durch getrennte Sätze

Kompliziert gesagt:

Der Leser, der den Text ja von vorne nach hinten liest, weiß erst, wenn er auf das Verb stößt, worauf der Satz hinausläuft.

Hier muss sich der Leser gleich zweimal durch zusätzliche Informationen kämpfen, bevor er zum Kern der Aussage gelangt. Die Begründung (Leser lesen von vorne nach hinten) erfolgt zu früh. Nämlich vor der eigentlichen Aussage. Auch die Bedingung im zweiten Teil (wenn er auf das Verb stößt) schiebt sich verwirrend in den Hauptsatz.

Besser wäre stattdessen:

Der Leser liest den Text von vorne nach hinten. Worauf der Satz hinausläuft, weiß er erst, wenn er auf das Verb stößt.

Oder:

Der Leser weiß erst, worauf der Satz hinausläuft, wenn er auf das Verb stößt. Der Grund: Er liest den Text von vorne nach hinten.

Positiver Nebeneffekt des Kürzens: Du wechselst in den aktiven Stil

Wer Sätze aufteilt, betrachtet den Inhalt dadurch genauer. Im letzten Beispiel fällt dem Autor möglicherweise auf: Es besteht (noch) kein kausaler Zusammenhang zwischen den beiden Aussagen. Beides stimmt, aber das eine ist nicht der Grund für das andere. Es fehlt ein Puzzlestück:

Ja, man liest von vorne nach hinten. Doch das ist eine allgemein bekannte Tatsache und keine Begründung – zumindest nicht für das Verb-Problem des Lesers. Sein Problem entsteht, weil das Verb im Satz zu lange auf sich warten lässt. Das wiederum passiert durch Einschübe wie Relativsätze. Auf den als Begründung getarnten Zusatz (Leser lesen von vorne nach hinten) hätte man von Anfang an verzichten können.

Du siehst: Sätze trennen macht nicht nur den Inhalt schlüssiger. Manchmal entlarvst du dadurch sogar unnötigen Text-Ballast.

Wie Du kurze Sätze in Deinen Texten richtig dosierst, erfährst Du im Artikel Kurze Sätze als Stilmittel: So entfalten sie ihre Wirkung.

Übungen zum Kürzen von Wörtern und Sätzen

Verbessere den folgenden Wikipedia-Text über Dampfmaschinen

Die Anwendungen der ersten funktionsfähigen Dampfmaschine von Thomas Newcomen fanden sich ab Anfang des 18. Jahrhunderts im Steinkohlebergbau zur Wasserhaltung, wo sie zunächst ältere mechanische Kraftquellen wie z. B. Wasserräder ergänzten und später auch ersetzten. Nach allmählichen Verbesserungen des Wirkungsgrades lohnte es sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts, sie ebenfalls in der wachsenden Textilindustrie zum Antrieb von Textilmaschinen einzusetzen und sie verbreiteten sich schließlich auch in weiteren Industriebranchen, wo sie ebenfalls Wasser- und Windmühlen ergänzten.

Lösungsvorschlag:

Die ersten funktionsfähigen Dampfmaschinen stammten von Thomas Newcomen. Sie wurden ab Anfang des 18. Jahrhunderts eingesetzt, um Grundwasser aus Bergwerken zu pumpen. Zunächst ergänzten sie mechanische Kraftquellen wie z.B. Wasserräder; später ersetzten sie diese komplett. Gegen Ende des 18. Jahrhundert wurden die Maschinen immer effektiver. Deshalb verwendete man sie ab dann auch in der wachsenden Textilindustrie und schließlich ebenfalls in weiteren Industriebranchen.

Anmerkungen zum Lösungsvorschlag:

Man könnte darüber streiten, ob im Lösungsvorschlag essenzielle Informationen vernachlässigt wurden:

  • Ist es wichtig, dass es sich bei den Bergwerken um Steinkohle-Bergwerke handelte?
  • Sollte man erwähnen, dass in den weiteren Industriebranchen der gleiche Prozess wie in den Bergwerken vorging? (Ergänzung von Wasser-/Windmühlen)

Kann man alles machen. Was man aber dringend tun sollte:

  • Lange Sätze aufteilen/kürzen
  • „Wasserhaltung“ anders beschreiben (was ist das überhaupt?)
  • „allmähliche Verbesserung des Wirkungsgrades“ auflösen (das heißt nichts anderes als die Maschinen wurden effektiver)

Das Textanalyse-Tool der WORTLIGA erkennt lange Sätze und Wörter und hilft Dir so, diese zu prüfen. Überzeuge Dich selbst und erziele bessere Ergebnisse mit Deinen Texten.

Bild von mohamed_hassan


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