Studie · Unternehmen

Studie Im Auftrag von media4nature

Formulieren Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsclaims EU-konform?

Studie zu Greenwashing-Risiko: Jede zweite werbende Firma fällt mit Aussagen durch. Bei einer Analyse von 476 Webseiten verletzten 51 Prozent der Firmen mit eigenen Nachhaltigkeitsclaims das EU-basierte Experten-Skript.

14. September 2026 · Eine Untersuchung der WORTLIGA-Redaktion

Unsere Studie im Auftrag von media4nature zeigt: 181 von 476 geprüften Webseiten (38 Prozent) verletzen das Experten-Skript zur Nachhaltigkeitskommunikation. 170 Seiten (36 Prozent) halten es ein, auf 124 Seiten fehlt ein eigener Claim, auf einer Seite fand sich keine relevante Aussage.

Auf Unternehmensebene weisen 176 von 345 claim-tragenden Firmen (51 Prozent) Verstöße auf. Die häufigsten Fehler: pauschale Begriffe wie „grün“ ohne Beleg im selben Sichtbereich (100 Fälle) und Vergleiche ohne Basisjahr (57 Fälle). 42 Seiten werben mit „klimaneutral“ auf Kompensationsbasis – eine Praxis, die ab dem 27. September 2026 unzulässig ist.

Seiten-Urteile: 38 Prozent nicht Skript-konform, 36 Prozent konform, 26 Prozent ohne eigenen Claim
Von allen 476 geprüften Webseiten verfehlen 38 Prozent das Experten-Skript. Unter den Seiten, die einen eigenen Nachhaltigkeitsclaim verwenden, liegt der Anteil bei 51 Prozent.

Erhoben wurden die Seiten Anfang August 2026, rund sieben Wochen vor dem Stichtag. Die Messung bildet den Umsetzungsstand vor Inkrafttreten der geänderten UWG-Vorgaben ab – nicht die Rechtslage am 27. September selbst.

„Das Ergebnis ist kein Vorwurf, sondern ein Spiegel: Viele meinen es gut, formulieren aber nach dem alten Stand. Wer seine Belege am Ort der Aussage führt, kommt ohne Greenwashing aus – 36 Prozent der Seiten zeigen, dass das geht.“ – Gidon Wagner, Geschäftsführer der WORTLIGA Tools GmbH

Gemessen wird die Abweichung vom Experten-Skript – nicht die EU-Rechtskonformität im justiziablen Sinn.

Seiten-Urteil Seiten Anteil
Nicht Skript-konform (mind. ein Kriterium verletzt) 181 38 %
Skript-konform (alle Kriterien eingehalten) 170 36 %
Kein eigener Nachhaltigkeitsclaim des Betreibers 124 26 %
Keine relevante Aussage zur Kernfrage 1 0 %

Der Anteil ohne Claim beschreibt nur die per Suchbegriff gefundene Stichprobe (etwa Ratgeberseiten). Er sagt nicht, dass ein Viertel aller Unternehmen grundsätzlich auf Claims verzichtet.

Von 578 betrachteten Unternehmen konnten 468 mit mindestens einer Seite ausgewertet werden. 345 davon tragen eigene Claims. 176 (51 %) weisen in der Mehrheit ihrer geprüften Seiten Verstöße auf. Sobald ein Unternehmen eigene Nachhaltigkeitsaussagen trifft, liegt das Verstoßrisiko über 50 Prozent.

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Magnus Herkner Hetz, Geschäftsführer von media4nature und Mitherausgeber der Studie:

„Für Marketingtreibende ist das der Weckruf: Ab Herbst 2026 wird aus einem Stilproblem ein rechtliches Risiko. In der Nachhaltigkeitskommunikation sind Transparenz, Offenheit und Klarheit immer schon Schlüssel für Glaubwürdigkeit und eine gute Kundenbeziehung. Die elementare Frage: Versteht jeder Außenstehende, was hinter meiner Aussage steckt? Die Dimensionen wie, wann, wo und durch was? spielen hier eine große Rolle. Die Zahlen der Studie geben Unternehmen die nötigen Argumente, um Kommunikation und Compliance an einen Tisch zu holen.“

Acht zentrale Erkenntnisse

1. Das Feld ist zweigeteilt

Etwas mehr Seiten verletzen die Vorgaben (38 %), als sie einhalten (36 %). Das spricht für Unsicherheit oder Nachlässigkeit – nicht zwingend für böswilliges Greenwashing.

2. Wer wirbt, patzt häufiger

Von den 345 claim-tragenden Firmen verfehlen 176 die Anforderungen. Bezogen auf alle 468 Unternehmen mit ausgewerteter Seite sind es 38 %.

3. Pauschale Umweltaussagen sind der größte Stolperstein

Mit 100 Verletzungen (bei 221 erfüllten Fällen) ist die unkonkrete Umweltaussage – „nachhaltig“, „grün“, „umweltfreundlich“ ohne Beleg im selben Sichtbereich – das häufigste Problem. Footer, Rechtstexte und verlinkte Unterseiten heilen den Verstoß nicht. Positiv: Hier liegt auch die höchste Transparenzrate.

4. Vergleiche und Superlative kippen ins Negative

Kategorie 6 ist die einzige, in der die Verstöße die korrekte Anwendung übersteigen: 57 verletzt gegenüber 52 erfüllt. „Das nachhaltigste Produkt“ oder „klimaschonender“ ohne Basisjahr, Vergleichsobjekt oder Methode ist Standard – und ab Herbst 2026 ein Rechtsrisiko.

5. Klimaneutral per Zertifikat: heute oft legal, morgen verboten

42 Seiten werben mit „klimaneutral“ oder „CO₂-neutral“ auf Kompensationsbasis (15 Fälle erfüllen das Kriterium). Das ist nach heutigem Recht häufig noch zulässig, wird aber ab dem 27.09.2026 (Anhang Nr. 4c UWG) unzulässig – Transparenz über die Kompensation heilt den Verstoß nicht.

6. Robustheitsrechnung: 33 % statt 38 % nach heutigem Recht

25 der 181 nicht konformen Seiten verstoßen ausschließlich gegen die Kompensationsregel, die erst künftig gilt. Nach heute geltendem Recht läge die Verstoßquote bei 156 von 476 Seiten (33 %). Die Differenz von fünf Prozentpunkten ist der Anpassungsbedarf bis zum Stichtag.

7. Konformität ist kein Schweigen

166 der 170 Skript-konformen Seiten (98 %) lösen gezielt Trigger aus und erfüllen die Belegpflicht aktiv – etwa durch benannte Zwischenziele, Basisjahre oder Konkretisierungen direkt neben der Aussage. Wer konform ist, kommuniziert nicht weniger, sondern sauberer.

8. Seltene Kategorien

Cherry-Picking (10 verletzt / 48 erfüllt), Zukunftsziele ohne Plan (5 / 46) und gesetzliche Pflicht als Vorteil (10 / 1) kommen selten vor. Nur 10 Seiten werben mit etwas, das gesetzlich sowieso vorgeschrieben ist.

Prüf-Kriterium Verletzt Erfüllt Nicht anwendbar Unklar
1 Pauschale Umweltaussagen 100 221 153 2
6 Vergleich ohne Bezug 57 52 366 2
2 Kompensationsbasierte Klimaaussagen 42 15 417 2
4 Gesetzliche Pflicht als Vorteil 10 1 463 2
3 Unzulässige Reichweite 10 48 414 4
5 Zukunftsziele ohne Plan 5 46 423 2

Datenbasis und Methode

Dimension Umfang
Erhebung Anfang August 2026 (vor Stichtag 27.09.2026)
Dokumente 523 gescrapt, 47 abgelehnt, 476 verifiziert
Unternehmen 578 identifiziert, 468 mit mindestens einer ausgewerteten Seite, 345 claim-tragend
Quell-Typen 94 % Unternehmens-Websites (449), 3 % Blogs, 2 % Fachquellen, 1 % Presse
Maßstab Experten-Skript mit 6 Kriterien (UWG-Novelle zur EU-EmpCo-Richtlinie)
Prüfverfahren LLM-Ensemble (k=3) mit Wörtlichkeits-Check jedes Belegzitats, drei unabhängige Review-Durchgänge, menschliche Stichproben-Validierung
Modell-Stabilität 333 von 476 Urteilen einstimmig (70 %), 139 per Mehrheitsvotum, 4 im Review entschieden

Jedes Kriterium zählt nur als „erfüllt“ oder „verletzt“, wenn ein wortwörtlich verifiziertes Belegzitat auf der Seite existiert. Geprüft wird die Formulierung gegen das Skript – nicht, ob die Aussage wahr ist. Unternehmens-Urteile, die auf nur einer Seite beruhen, sind Einzelseiten-Beobachtungen, keine Gesamtbewertung der Firma.

Grenzen: Die Stichprobe ist keyword- und unternehmensgesteuert und nicht repräsentativ für die deutsche Gesamtwirtschaft. Es werden bewusst keine Konfidenzintervalle ausgewiesen. Die Studie zeigt, wo Fehler gemacht werden, wenn kommuniziert wird – nicht, wie viel Prozent aller Firmen fehlerhaft kommunizieren.

Was das für Teams bedeutet

  1. Beleg am Ort der Aussage – „umweltfreundlich“ nie ohne Konkretisierung im selben Sichtbereich; Unterseiten, Footer und Rechtstexte zählen nicht.
  2. Klimaneutral nur mit Reduktion begründen – ab 27.09.2026 ist rein zertifikatebasierte Klimaneutral-Werbung unzulässig.
  3. Bezugsgrößen benennen – jeder Komparativ braucht Basisjahr, Vergleichsobjekt oder Methode.
  4. Freigabeprozesse anpassen – Nachhaltigkeitstexte nicht ohne Compliance-Blick auf die sechs Kriterien veröffentlichen.

Fazit

Auf die Kernfrage liefert das Fakten-Audit eine differenzierte Antwort: Nein, ein erheblicher Teil der Unternehmen formuliert noch nicht EU-konform – 38 % der Seiten und 51 % der claim-tragenden Firmen verfehlen das Skript. Zugleich beweist das gute Drittel konformer Seiten, dass belegte, transparente Nachhaltigkeitskommunikation machbar ist.

Die vollständige Studie mit allen Belegzitaten, Suchbegriffen und dem Quellenverzeichnis steht nach Double-Opt-in als PDF zum Download bereit.

Über WORTLIGA. Die WORTLIGA Tools GmbH, München, analysiert digitale Kommunikation mit sprachwissenschaftlichen Methoden. Bekannt wurde sie durch das Tool „WORTLIGA Textanalyse“.

Über media4nature. Gegründet 2007, ist Nachhaltigkeit ein elementarer Bestandteil der Nürnberger Marketingagentur. media4nature verbindet Marketing mit sozialer und ökologischer Verantwortung. Kernkompetenzen: Vertriebs- und Direktmarketing sowie Nachhaltigkeitskommunikation.

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