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Studie

Wie verständlich informieren deutsche Städte ihre Bürger?

475 Online-Texte aus 19 Städten: Über 40 Prozent der Bürgerinformationen sind schwer verständlich – Nürnberg und Hamburg führen das Ranking.

10. Januar 2024 · Eine Untersuchung der WORTLIGA-Redaktion

Über 40 Prozent der städtischen Online-Informationen für Bürger sind schwer verständlich. Die WORTLIGA-Studie prüfte Websites von 19 Mittel- und Großstädten – Reichweite: rund 14 Millionen Einwohner. Stand: 10.01.2024.

Von 475 untersuchten Online-Texten waren 194 in Aufbau und Wortwahl schwer verständlich; 173 zusätzlich besonders kompliziert (lange Sätze, Fachbegriffe, Passiv). Nürnberg und Hamburg führen mit je 50 Sprachniveau-Punkten. Ingolstadt und Fulda schließen mit 34 Punkten ab. Verständliche Verwaltungssprache ist möglich – viele Städte haben Nachholbedarf mit direkten Effekten auf Kosten, Teilhabe und Vertrauen.

Executive Summary

Warum das teuer ist

Unklare Amtssprache erzeugt:

  • mehr Rückfragen in Bürgerämtern und Hotlines,
  • Missverständnisse bei Anträgen und Fristen,
  • Ausschluss von Menschen mit geringerer Lesekompetenz,
  • sinkendes Vertrauen in die Verwaltung.

Seit 2020 müssen Behörden Angebote in Leichter Sprache vorhalten. Die breite Bevölkerung braucht aber durchgängig bürgernahe Standardsprache – nicht nur ein Extra-Angebot für wenige Seiten. Digitale Services scheitern oft nicht an der Technik, sondern an der Sprache auf dem Weg dorthin.

Kennzahlen

Merkmal Wert
Online-Texte 475 (25 pro Stadt)
Städte 19 Mittel- und Großstädte
Einzugsgebiet (ca.) 14 Mio. Einwohner
Schwer verständlich (Aufbau/Wortwahl) 194 Texte
Besonders kompliziert 173 Texte
Themenfelder 5 à 5 Texte pro Stadt

Themenfelder: Wohnungssuche, COVID-19, Mobilität, Barrierefreiheit, Familien.

Ranking (Sprachniveau-Punkte und Lesbarkeit)

# Stadt Punkte Lesbarkeit Ø
1 Nürnberg 50 41,3 %
2 Hamburg 50 40,8 %
3 Köln 49 44,4 %
4 München 47 44,1 %
5 Hannover 46 44,2 %
6 Lüneburg 46 40,8 %
7 Stuttgart 44 40,5 %
8 Coburg 43 41,7 %
9 Augsburg 42 39,9 %
10 Berlin 42 37,4 %
11 Düsseldorf 41 39,2 %
12 Dresden 41 36,2 %
13 Frankfurt 37 34,5 %
14 Leipzig 37 31,9 %
15 Potsdam 36 36,1 %
16 Erfurt 35 35,4 %
17 Essen 35 32,2 %
18 Fulda 34 37,8 %
19 Ingolstadt 34 31,7 %

Nürnberg und Hamburg teilen sich die Spitze bei den Sprachniveau-Punkten; Köln und München liegen bei der reinen Lesbarkeitsquote teils höher – der Gesamtrang gewichtet das GER-Niveau stärker.

Was die Spitzengruppe besser macht

  • kürzere, aktivere Sätze auf Service-Seiten,
  • weniger Schachtelsätze in Antrags- und Corona-Hinweisen,
  • klarere Gliederung (Schritte, Listen, Zwischenüberschriften),
  • bürgernahe Wörter statt reiner Verwaltungsbegriffe.

Coburg und Lüneburg zeigen: Auch kleinere Städte können mithalten, wenn Redaktion und Verwaltung Sprache ernst nehmen. Größe allein erklärt das Ranking nicht – Frankfurt und Berlin liegen trotz großer Redaktionsressourcen nur im Mittelfeld bzw. darunter.

Typische Hürden in Amtstexten

  1. Lange Sätze mit mehreren Bedingungen und Rechtsgrundlagen in einem Atemzug.
  2. Nominalstil („Durchführung der Antragstellung“) statt Verben.
  3. Passiv ohne erkennbaren Akteur („es wird darauf hingewiesen“).
  4. Fach- und Rechtsbegriffe ohne Erklärung.
  5. Uneinheitliches Niveau – Startseite klar, Unterseiten zu Anträgen und Förderrichtlinien abrupt schwer.

Methode

Pro Stadt 25 Texte aus fünf Themenfeldern. Bewertung mit der WORTLIGA Textanalyse:

  • Sprachniveau-Punkte: B1 = 3, B2 = 2, C1 = 1, C2 = 0 (Summe über die Stichprobe).
  • Bei Gleichstand entscheidet der Lesbarkeitsindex 0–100 (vergleichbar Flesch, plus Passiv/Perfekt/Substantivierungen).

So entsteht ein Ranking, das sowohl GER-Niveau als auch handwerkliche Lesbarkeit abbildet.

Handlungsempfehlungen für Kommunen

  1. Leitplanken setzen – maximale Satzlänge, Aktiv-Quote, Verbot unnötiger Nominalketten.
  2. Service-Pfade priorisieren – Wohnung, Familie, Mobilität, Anträge zuerst vereinfachen.
  3. Leichte Sprache und Standardsprache parallel – Extra-Angebot reicht nicht als Alibi.
  4. Messen und wiederholen – jährlicher Check macht Fortschritt steuerbar.
  5. Schulung + Redaktion – Fachämter liefern Inhalt, Sprachredaktion liefert Klarheit.

Fazit

Nürnberg, Hamburg, München und Coburg zeigen: Verständliche Verwaltungssprache ist möglich. Über 40 % der geprüften Bürgerinformationen bleiben schwer verständlich – mit Kosten für Verwaltung und Ausschluss für Bürgerinnen und Bürger. Wer digitalisieren will, muss zuerst verständlich schreiben.

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