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Studie

Wie verständlich sind deutsche Pressemitteilungen?

3.235 Pressetexte aus 109 Kategorien: Unterhaltung und Sport sind klar lesbar – Krankenhaus, Logistik und Recht bilden das Schlusslicht.

27. Januar 2026 · Eine Untersuchung der WORTLIGA-Redaktion

3.235 Pressemitteilungen aus 109 Themenkategorien – ausgewertet mit der WORTLIGA-Textanalyse. Der Branchenschnitt liegt bei 47,6 Punkten. Nur 9,2 % der Texte erreichen gute Lesbarkeit (Score 60+), 11,9 % fallen unter 40 Punkte. Stand: 27. Januar 2026.

Die Studie misst, wie verständlich Unternehmen, Behörden und Organisationen ihre Botschaften an Journalisten und Öffentlichkeit formulieren. Das Ergebnis ist eine klare Hierarchie: Unterhaltung und Sport glänzen, essenzielle Fachsektoren straucheln. Unverständlichkeit ist kein Naturgesetz schwieriger Themen – sondern oft handwerklicher Fehler.

Executive Summary

Die fünf wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Branchen-Kluft: Show (63,8) und Bundesliga (62,7) vorn – Krankenhaus (36,4) und Logistik (36,9) am Ende. Spannweite Spitze–Schluss: 27,4 Punkte.
  2. Komplexität als Versteck: Negative Nachrichten (Insolvenz, Umwelt, Recht) korrelieren mit sinkender Lesbarkeit. Krisen werden oft in Passiv und Schachtelsätzen „gedämpft“.
  3. Fakten schlagen Floskeln: Kraftstoffpreise auf Rang 4 (62,5) beweisen: trockene Zahlen können extrem klar sein.
  4. Bürokratie hemmt: Nominalstil und Passiv dominieren in Banken- und Rechtstexten – Sprache als Distanzinstrument.
  5. Hebel Einfachheit: Spitzenreiter liegen bei Satzlängen unter 12 Wörtern.

Warum das zählt

Pressemitteilungen konkurrieren täglich um knappe Redaktionszeit. Lesbarkeit ist kein ästhetisches Extra, sondern ein ökonomischer Faktor: Unverständliche Texte werden ignoriert, missverstanden oder verursachen so viel Bearbeitungsaufwand, dass sie aussortiert werden. Besonders in Gesundheit, Finanzen und Verwaltung entscheidet klare Sprache darüber, ob gesellschaftlich wichtige Informationen die Öffentlichkeit überhaupt erreichen.

Datengrundlage

Merkmal Wert
Texte 3.235 Pressemitteilungen
Quelle presseportal.de (news aktuell / dpa-Gruppe)
Kategorien 109 Themencluster
Qualitative Stichprobe 400 Texte in der Tiefenanalyse
Score-Skala 0–100 (WORTLIGA)
Gut verständlich Score ≥ 60
Akzeptabel für PR 50–59
Behördennah-schwer unter 50
σ über Kategorien 7

Absender: DAX-Konzerne, Mittelstand, Verbände, Ministerien, Polizei, Kultur. Median der Kategorie-Scores: 46,4 – leicht unter dem Mittel von 47,6; die Mehrzahl der Branchen liegt im moderaten bis schwachen Bereich.

Ranking: Spitze und Schluss

Bereich Kategorie Score
Spitze Show 63,8
Spitze Bundesliga 62,7
Spitze Fernsehproduktion / Kraftstoffpreise 62,5
Spitze Celebrities 61,5
Spitze Fußball 61,2
Mittelfeld (Auszug) Finanzen 44,1
Mittelfeld Banken 42,9
Schluss Insolvenz 37,5
Schluss Recht / Umwelt 37,4
Schluss Rechtsprechung 37,2
Schluss Logistik 36,9
Schluss Krankenhaus 36,4

Kraftstoffpreise auf Rang 4 belegen: Nüchternheit des Themas ist keine Entschuldigung. Kurze Sätze, klare Fakten, direkter Verbraucherbezug reichen.

Was die Besten anders machen

Die Top-Kategorien (Show, Bundesliga, Fernsehproduktion) schreiben aktiv, bildhaft und oft mit Satzlängen unter 13 Wörtern – Bundesliga im Schnitt bei 10,6 Wörtern. Die Bottom-Kategorien leiden unter „Substantivitis“ und langen Sätzen: Krankenhaus bei 31 Texten im Schnitt 15,8 Wörter pro Satz und hoher Passivdichte (147 Passivfälle in der Stichprobe).

Negativbeispiel (Krankenhaus): Ein Text zu Nocebo-Effekten bei Bauchschmerzen erreicht Score 17 – Sätze über 40 Wörter, Fachbegriffe wie „Ischämie-Reperfusionsschaden“.

Positivbeispiel (Celebrities): „Das Beste aus 2025 auf Sky und WOW“ erreicht Score 85 – Sätze Ø 7,7 Wörter, aktiv, mit Listen gegliedert.

Weitere Branchenbilder

  • Unterhaltung & Sport (Show bis Sport): Scores oft 55–64 – emotionale, publikumswirksame Sprache.
  • Lifestyle & Verbraucher (Mode, Ernährung, Ratgeber): um 50–53 – akzeptabel, selten exzellent.
  • Wirtschaft & Technik (Finanzen, Software, Maschinenbau): häufig 42–45 – Jargon und Nominalstil.
  • Gesundheit & Recht (Krankenhaus, Pharma, Justiz, Insolvenz): oft unter 40 – genau dort, wo Klarheit am dringendsten wäre.

Methode

Vollerhebung aggregierter Kennzahlen je Kategorie plus qualitative Tiefenanalyse von 400 Texten. Der WORTLIGA-Score kombiniert Lesbarkeit mit Fehlerklassen (Passiv, Nominalstil, Füllwörter, lange Sätze). Für PR gilt die Zwischenstufe 50–59 als „akzeptabel“: noch nicht grün, aber klar besser als Behördenstil unter 50.

Empfehlungen

  1. Sätze kürzen – Ziel unter 12–14 Wörter im Mittel.
  2. Nominalstil ersetzen – Verben statt -ung/-heit/-keit-Ketten.
  3. Passiv reduzieren – besonders in Krisen- und Rechtstexten.
  4. Fakten vor Floskeln – Zahlen und Handlungsbezug statt Leerformeln.
  5. Zielgruppe Journalist – jeder unnötige Bearbeitungsschritt senkt die Übernahmechance.

Fazit

Unverständliche Pressemitteilungen kosten journalistische Verwertbarkeit und Reichweite. Die Spannweite von 27,4 Punkten zeigt: Branche und Thema erklären viel – aber nicht alles. Wer wie Show und Sport schreibt (kurz, aktiv, klar), wird gelesen. Wer wie Krankenhaus und Logistik formuliert, riskiert, dass die Botschaft in der Redaktion liegen bleibt.

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