Eine umfassende Untersuchung der Kommunikationsqualität in 3235 Pressetexten
Datum: 27. Januar 2026
Die vorliegende Studie "Wie verständlich sind deutsche Pressemitteilungen?" bietet eine tiefgreifende Untersuchung der kommunikativen Qualität von 3235 Pressetexten aus 109 verschiedenen Themenkategorien. Ziel der Analyse war es, zu ermitteln, wie verständlich Unternehmen, Behörden und Organisationen ihre Botschaften an Journalisten und die Öffentlichkeit vermitteln. Die Ergebnisse offenbaren eine signifikante Kluft in der Kommunikationskultur zwischen unterhaltungsorientierten Branchen und fachspezifischen Sektoren.
Die fünf wichtigsten Erkenntnisse der Studie lauten:
Mit einem Gesamtdurchschnittsscore von 47,6 über alle 3235 Texte hinweg bewegt sich die deutsche Pressemitteilungs-Landschaft im "mittleren" Bereich. Während 9,2 % der Texte eine gute Lesbarkeit (Score 60+) aufweisen, fallen 11,9 % in den kritischen Bereich von unter 40 Punkten, was die mediale Weiterverarbeitung erheblich erschwert.
Die Studie empfiehlt dringend eine Abkehr vom Nominalstil in B2B- und Fachtexten sowie eine radikale Verkürzung der Satzlängen, um die journalistische Verwertbarkeit und damit die Reichweite der Botschaften zu erhöhen.
In einer immer schneller werdenden Medienlandschaft ist die Aufmerksamkeitsspanne von Journalisten und Lesern ein knappes Gut. Pressemitteilungen konkurrieren täglich zu Tausenden um die Berücksichtigung in der Berichterstattung. Die Lesbarkeit eines Textes ist dabei kein rein ästhetisches Kriterium, sondern ein harter ökonomischer Faktor: Unverständliche Texte werden ignoriert, missverstanden oder erfordern einen so hohen redaktionellen Bearbeitungsaufwand, dass sie oft aussortiert werden.
Eine klare Kommunikation ist besonders in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen, der Finanzwirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung wichtig. Sie schafft Transparenz und baut Vertrauen auf. Wenn diese Bereiche jedoch Fachsprache und lange, komplizierte Sätze verwenden, entsteht eine Kommunikationshürde. Das führt dazu, dass gesellschaftlich wichtige Informationen die breite Öffentlichkeit nicht mehr erreichen.
Diese Studie untersucht auf Grundlage von Daten zur Verständlichkeit die Qualität von Pressemitteilungen in Deutschland. Sie zeigt nicht nur, wer gut kommuniziert, sondern vor allem, wie und warum manche Branchen Fehler machen. Ein wichtiges Thema war die Frage: Führen schwierige Inhalte immer zu einer komplizierten Sprache? Oder ist das ein handwerklicher Fehler, den man vermeiden kann?
Die Analyse untersucht 3.235 Pressemitteilungen aus 109 verschiedenen Themenbereichen. Zur Bewertung der Textqualität nutzen wir die bekannte WORTLIGA-Formel für Verständlichkeit und Lesbarkeit. Dieser Punkte-Index reicht von 0 bis 100, wobei höhere Werte für eine bessere Verständlichkeit stehen. Ein Score über 60 gilt als gut verständlich, Werte unter 40 deuten auf schwere Kost hin. Die Analyse hielt auch andere sprachliche Probleme fest: Passivsätze, Substantive statt Verben, Füllwörter und sehr lange Sätze.
Die Bewertungs-Kategorien berücksichtigen die Besonderheiten von Pressemitteilungen. PR-Texte müssen oft schwierige Themen und Fachwörter verständlich machen. Deshalb gibt es die neue Gruppe der ‚Akzeptablen Texte‘ (50–59 Punkte) als wichtige Zwischenstufe. Diese Texte erreichen noch nicht die beste Bewertung für Lesbarkeit (60+). Sie sind aber schon viel verständlicher als Texte im komplizierten Behördenstil (unter 50 Punkte).
Zusätzlich zur allgemeinen Auswertung haben wir 400 Texte genauer analysiert. Das half uns, bestimmte Formulierungen zu verstehen und die Strategien der Redaktionen zu erkennen. Ein Beispiel ist das „Verstecken“ von schlechten Nachrichten in komplizierten Sätzen. Die Standardabweichung (σ = 7) zeigt außerdem, wie stark die Qualität in den verschiedenen Themenbereichen schwankt.
Die vorliegende Studie stützt sich auf eine breite und diverse Datenbasis, die einen realistischen Querschnitt der deutschen Unternehmens- und Verbandskommunikation abbildet.
Analysiert wurden insgesamt 3.235 Pressemitteilungen, die über presseportal.de veröffentlicht wurden. Presseportal.de ist Deutschlands größtes Portal für Pressemeldungen. Die Firma news aktuell GmbH betreibt die Seite und ist ein Unternehmen der dpa-Gruppe. Jeden Monat besuchen etwa 11 Millionen Menschen das Portal. Mehr als 12.000 Firmen und Organisationen veröffentlichen dort ihre Informationen, zum Beispiel Pressemitteilungen, Bilder oder Tonaufnahmen.
Die Texte stammen von einer Vielzahl an Absendern, darunter DAX-Konzerne, mittelständische Unternehmen, Verbände, Ministerien, Polizeidienststellen und Kultureinrichtungen. Die Texte wurden in 109 thematische Kategorien geclustert, um branchenspezifische Vergleiche zu ermöglichen.
Der Analysezeitraum erstreckt sich über aktuelle Veröffentlichungen, was die Relevanz der Ergebnisse für die gegenwärtige Kommunikationspraxis unterstreicht. Die Bandbreite der Themen reicht von "Show & Unterhaltung" über "Automobil & Verkehr" bis hin zu hochspezialisierten Feldern wie "Pharmaindustrie", "Insolvenzrecht" oder "Militärtechnik".
Die Datenbasis gliedert sich in zwei Ebenen:
Die Verteilung der Lesbarkeits-Scores über die 109 Kategorien zeigt eine Spannweite von 27,4 Punkten. Der niedrigste Durchschnittsscore einer Kategorie liegt bei 36,4 (Krankenhaus), der höchste bei 63,8 (Show). Der Median von 46,4 liegt knapp unter dem Durchschnitt von 47,6, was darauf hindeutet, dass eine größere Anzahl von Kategorien eher im moderaten bis schlechten Bereich liegt, während einige wenige "High Performer" den Schnitt leicht anheben.
Die Analyse der 3235 Texte offenbart eine klare Hierarchie in der deutschen Pressemitteilungs-Landschaft. Es zeigt sich, dass Verständlichkeit kein Zufall ist, sondern stark von der Branche und der Zielgruppe abhängt.
Das Ranking aller 109 Kategorien zeigt ein deutliches Gefälle. An der Spitze stehen Themen, die sich an ein breites Publikum richten und emotionalisieren wollen. Am Ende finden sich Branchen, die traditionell durch Expertentum und Bürokratie geprägt sind.
Die Top-Performer:
Den ersten Platz belegt die Kategorie Show mit einem durchschnittlichen Score von 63,8. Dicht gefolgt von Bundesliga (62,7) und Fernsehproduktion (62,5). Diese Branchen haben verstanden, dass sie um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen müssen. Ihre Sprache ist aktiv, direkt und bildhaft.
Die Schlusslichter:
Am unteren Ende der Skala rangieren Rechtsprechung (37,2), Logistik (36,9) und als absolutes Schlusslicht Krankenhaus (36,4). Diese Werte sind alarmierend, insbesondere da der Bereich "Krankenhaus" oft Patienten und Angehörige adressieren sollte, die in Stresssituationen auf klare Informationen angewiesen sind.
Eine überraschende Ausnahme im oberen Feld bildet die Kategorie Kraftstoffpreise auf Rang 4 (Score 62,5). Obwohl es sich um ein "trockenes" Thema handelt, ist die Kommunikation hier extrem effizient: Kurze Sätze, klare Fakten, direkter Bezug zum Geldbeutel des Verbrauchers. Dies beweist: Komplexität oder Nüchternheit des Themas ist keine Entschuldigung für Unverständlichkeit.
Vollständiges Ranking aller analysierten Kategorien:
Signifikante Differenz von 27.4 Punkten zwischen Spitze und Ende.
Der Vergleich der Top 3 (Show, Bundesliga, Fernsehproduktion) mit den Bottom 3 (Rechtsprechung, Logistik, Krankenhaus) offenbart die mechanischen Unterschiede im Schreiben.
Die Top-Kategorien zeichnen sich durch eine durchschnittliche Satzlänge von oft unter 13 Wörtern aus (z.B. Bundesliga Ø 10,6 Wörter). Sie nutzen Verben, um Handlung zu treiben. Die Bottom-Kategorien leiden unter "Substantivitis" (Nominalstil). So weist die Kategorie "Krankenhaus" bei 31 Texten im Schnitt sehr lange Sätze (Ø 15,8 Wörter) und eine hohe Dichte an Passivkonstruktionen (147 Fälle) auf.
Beispiel aus der Stichprobe (Negativ):
Der Text „Ausgeprägte Nocebo-Effekte bei Bauchschmerzen“ (Kategorie: Krankenhaus) erreicht einen Score von nur 17. Sätze mit über 40 Wörtern und Begriffe wie „Ischämie-Reperfusionsschaden“ machen den Text für Laien unzugänglich.
Beispiel aus der Stichprobe (Positiv):
Der Text „Das Beste aus 2025 auf Sky und WOW“ (Kategorie: Celebrities) erreicht einen Score von 85. Die Sätze sind kurz (Ø 7,7 Wörter) und aktiv, die Autoren gliedern die Texte mit Listen.
Die Daten zeigen eine klare negative Korrelation zwischen Satzlänge und Lesbarkeit (r = -0.57). Je länger die Sätze, desto niedriger der Score.
Die Kategorie Bundesliga beweist mit einer durchschnittlichen Satzlänge von nur 10,6 Wörtern, dass man auch über komplexe Spielverläufe kurz und knackig berichten kann. Im Gegensatz dazu steht die Kategorie Insolvenz mit durchschnittlich 16,2 Wörtern pro Satz. Hier werden juristische Sachverhalte in Bandwurmsätze gepresst, die den Leser ermüden.
Ein extremes Negativbeispiel aus der Stichprobe ist der Text zur EU-Taxonomie (Kategorie: Banken). Mit einer durchschnittlichen Satzlänge von 23,7 Wörtern und einem Score von 15 wird hier die Verständlichkeit der vermeintlichen fachlichen Präzision geopfert.
| Kategorie | Ø Satzlänge | Score |
|---|---|---|
| Karikaturen | 7.4 Wörter | 60.1 |
| Bundesliga | 10.6 Wörter | 62.7 |
| Chemie | 14.8 Wörter | 43.2 |
| Vermischtes | 16.0 Wörter | 46.0 |
| Computer | 16.4 Wörter | 40.2 |
Die Standardabweichung (σ) von 7 Punkten über alle Kategorien hinweg zeigt eine moderate Streuung. Interessant ist jedoch die Verteilung innerhalb der Gruppen:
Der Großteil (55%) der Kommunikation bewegt sich im mittelmäßigen Bereich.
Drei Hauptfaktoren drücken die Scores stark: Passiv, Nominalstil und Füllwörter.
Eine der markantesten Auffälligkeiten der Analyse ist der Umgang mit Krisenthemen. Die Daten belegen, dass Texte über Insolvenzen, Rechtsstreitigkeiten oder Werksschließungen signifikant komplexer sind als Erfolgsmeldungen.
Ein Beispiel ist der Text zur Werksschließung bei Faber-Castell. Anstatt klar zu sagen "Wir schließen das Werk", wird der Vorgang in Sätzen mit durchschnittlich 17,4 Wörtern als "beschleunigte Strategieimplementierung" und "Global Production Footprint-Projekt" umschrieben. Der Score sinkt auf 15. Sprache wird hier als Schutzschild genutzt, um die Härte der Botschaft abzufedern – auf Kosten der Transparenz.
Bei medizinischen Themen zeigt sich ein Paradoxon: Obwohl Gesundheit jeden betrifft, ist die Sprache oft exklusiv akademisch. Der Text "Hohe Antibiotikakonzentrationen in Gewässern" (AOK Baden-Württemberg) erreicht nur Score 24. Mit 30 als "zu lang" markierten Wörtern und 21 Passivsätzen wird ein alarmierendes Umweltthema so technokratisch verpackt, dass die Dringlichkeit im Textbrei versinkt.
Im Gegensatz dazu steht die ADAC-Kommunikation (Kategorie: Kraftstoffpreise). Hier werden komplexe Marktmechanismen (Ölpreis, Dollarkurs) in klare, kurze Sätze (Ø 13,4 Wörter) übersetzt. Das Ergebnis ist ein Score von 74 – ein Beweis, dass Fachthemen nicht unverständlich sein müssen.
Die Analyse der häufigsten Begriffe zeigt, dass viele Texte stark selbstreferenziell sind. Wörter wie "gemeinsam", "Unternehmen" und "Informationen" dominieren.
"Die Implementierung unserer globalen Strategie zeigt zahlreiche Erfolge, muss jedoch vor dem Hintergrund der Dynamisierung der volatilen globalen wirtschaftspolitischen Situation mit einem strafferen Zeitplan und mit weiteren Einsparungsmaßnahmen versehen werden."
"Wir müssen schneller sparen, da die weltweite Wirtschaftslage unsicher ist."
Die KI-Analyse der Daten zeigt besondere Muster, die mehr als reine Zahlen verraten. Ein gutes Beispiel ist das "Tankstellen-Phänomen": Das Thema Kraftstoffpreise beweist, dass auch langweilige oder technische Themen gut lesbar sind, wenn der Vorteil für die Leser im Vordergrund steht.
Zudem fanden wir eine "B2B-Lücke": Die Kommunikation mit Privatkunden, zum Beispiel über Sport, nutzt oft eine emotionale Sprache und starke Verben. Dagegen klingen Texte für Geschäftskunden, etwa in der Logistik, häufig trocken und kompliziert.
Wir empfehlen deshalb, Texte für Geschäftskunden öfters wie ein Interview zu gestalten. Ein Dialog nutzt automatisch kürzere Sätze und ist leichter verständlich. Das gilt auch für Fachthemen wie den Hausbau.
Basierend auf den Daten lassen sich fünf konkrete Maßnahmen ableiten, um die Kommunikationsqualität sofort zu steigern:
Die Daten zeigen eine klare Grenze: Sätze mit mehr als 20 Wörtern zerstören die Verständlichkeit. Ziel sollte ein Durchschnitt von 10-12 Wörtern sein, wie es die Top-Performer (Bundesliga, Show) vormachen. Ein Gedanke pro Satz!
Kategorien wie "Arzneimittel" leiden unter der "Substantivitis". Ersetzen Sie Konstruktionen wie "zur Durchführung bringen" durch das einfache Verb "durchführen". Dies macht Texte dynamischer und kürzer.
Das Verschleiern schlechter Nachrichten hinter komplexer Sprache (siehe Faber-Castell Beispiel) wird von Journalisten als Verschleierungstaktik entlarvt. Klare Sprache schafft auch in der Krise Souveränität. Sagen Sie "Wir schließen", nicht "Es erfolgt eine Standortkonsolidierung".
Technische Daten (wie bei den Kategorien Technik oder Energie) sollten nicht in Fließtext gepresst werden. Nutzen Sie Bullet-Points. Der Text "Beyond the Screen" zeigt, wie man technische Features durch Listen lesbar macht (Score 75).
Auch im B2B-Bereich lesen Menschen, keine Maschinen. Orientieren Sie sich am Stil der "Kraftstoffpreise"-Kategorie: Faktenbasiert, aber in Alltagssprache. Vermeiden Sie den akademischen Habitus der Kategorie "Krankenhaus" (Score 36,4), wenn Sie Menschen erreichen wollen.
Eine Untersuchung von 3235 Pressemitteilungen zeigt große Unterschiede in Deutschland. Die Unterhaltungsbranche schreibt ihre Texte klar und verständlich. Sie richtet sich direkt an die Leser. Andere Bereiche wie Gesundheit, Recht oder Logistik machen es anders. Sie benutzen viele Fachwörter und lange, komplizierte Sätze.
Der durchschnittliche Wert von 47,6 Punkten ist ein schlechtes Zeichen. Mehr als die Hälfte der untersuchten Texte (55 %) ist nur mittelmäßig bis schwer verständlich. Das ist besonders in wichtigen Bereichen wie bei Krankenhäusern oder Behörden ein Problem. Denn dort ist es ihre Aufgabe, verständlich zu informieren.
Die Zahlen zeigen klar: Verständliche Texte entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis guter Arbeit. Wer kurze Sätze schreibt, aktive Verben nutzt und komplizierte Hauptwörter vermeidet, verbessert seinen Text deutlich. Das erhöht auch die Chance, dass der Text veröffentlicht wird. Das Beispiel der „Kraftstoffpreise“ zeigt es gut: Auch sachliche Informationen lassen sich ganz einfach erklären.
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