Verständlichkeit als biologisches Grundbedürfnis: Wie Du Dir die Natur Deiner Leser zunutze machst

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verständlich schreiben

Lesen ist ein physiologischer Prozess wie atmen oder essen. Es sind nur andere Organe beteiligt. Beim Atmen filtert die Lunge Sauerstoff aus der zugeführten Luft und beim Lesen gewinnt das Gehirn Informationen aus gelesenen Buchstaben. Ein schlechter Text ist wie abgestandene Luft für Dein Gehirn, doch woran liegt das?

Mach Dir in Deinen Texten zwei biologische Konstanten zunutze: die beiden Denksysteme und die Augenbewegungen des Menschen. Wie Du das machst, erfährst Du hier.

So profitieren Deine Texte von den zwei Denksystemen des Menschen

Daniel Kahnemann beschreibt in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken zwei Denksysteme mit ebenjenen Titeln. Am besten versteht man die beiden Systeme anhand von Beispielen.

System 1: Dein intuitiver Berater

Betrachtest Du die Frau auf dem Bild, musst Du nicht lange nachdenken. Du erkennst sofort, dass sie wütend oder verärgert ist. Dieser Rückschluss ist ein intuitiver Prozess und System 1 ist dafür verantwortlich – das schnelle Denken.

Der Denkprozess verlief zügig und ohne Anstrengung, denn Du hast in Deinem Leben genug wütende Gesichter gesehen, um eine entsprechende Verbindung herzustellen. Es fühlte sich gar nicht wie Denken an.

System 2: Deine kritische Denkzentrale

Um Dein System 2 zu aktivieren, löse folgende Rechenaufgabe: 17 x 24.

Fertig? Es hat nicht nur länger gedauert, diese Aufgabe zu lösen; sicherlich war es auch unverhältnismäßig anstrengend im Vergleich zur ersten Aufgabe.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Du während Deines Lösungswegs die Stirn in Falten gelegt hast und sich Deine Pupillen geweitet haben. Zumindest zeigen Untersuchungen diese physiologischen Auswirkungen bei Testpersonen.

Steuere die beiden Denksysteme mit Deinen Texten

Welches der beiden Systeme sollte aktiv sein, wenn sich Leser mit Deinen Texten beschäftigen? Sicherlich System 1, denn Du möchtest Deine Leser nicht unnötig anstrengen. Außerdem ist ein aktives System 2 misstrauisch und argwöhnisch gegenüber neuen Informationen.

Dein oberstes Ziel sollte es also sein, Deine Texte verständlich zu schreiben. Einige Regeln, wie Du dieses Ziel erreichst, findest Du im Artikel Verständlich schreiben lernen: Diese Grundregeln machen Deinen Text klarer.

Neben den dort beschriebenen Regeln sind Beispiele ein gutes Mittel, um den Leser in System 1 und somit bei der Stange zu halten.

Nutze die natürlichen Augenbewegungen für Deine Texte

Drei Augenbewegungen beim Lesen

Was passiert eigentlich beim Lesen? Betrachten wir den Vorgang als physiologischen Prozess, stellen wir fest: Die Augen bewegen sich beim Lesen nach drei verschiedenen Mustern. Als Sakkaden bezeichnet man die klassische Vorwärtsbewegung, die man üblicherweise mit dem Lesen verbindet. Informationen werden allerdings nur während der Fixationen aufgenommen. Hier ruht das Auge auf einem bestimmten Punkt. Die dritte Augenbewegung sind Rückwärtssprünge der Augen, sogenannte Regressionen. [1]

In diesem Video siehst Du bei Minute 1:00 exemplarisch, wie die Augenbewegungen bei einem Text verlaufen können:

Leserfreundliche Texte auf Grundlage der Augenbewegungen

Wir wollen Texte schaffen, die sich flüssig lesen lassen. Mit zunehmender Schwierigkeit verringert sich die Länge der Sakkaden; Fixationen und Regressionen hingegen nehmen zu. Du musst öfter innehalten und zurückspringen, um den Text zu verstehen. Das ist kein schönes Erlebnis beim Lesen.

Ein leicht verständlicher Text hingegen verlängert die Sakkaden und macht Rückwärtssprünge überflüssig. Es entsteht ein angenehmer Lesefluss. Die Länge von Wörtern und Sätzen nimmt großen Einfluss auf die Verständlichkeit Deines Textes. Das bestätigt das Hamburger Verständlichkeitskonzept.

Desweiteren werden Sakkaden & Co. von der Typographie Deines Textes beeinflusst. Achte für einen idealen Lesefluss darauf, dass

  • ausreichend Absätze vorhanden sind,
  • Du eine angenehme Schriftart, -größe und -farbe verwendest und
  • der Zeilen- und Wortabstand groß genug ist.

Arbeite mit Deinen Texten nicht gegen die Natur Deiner Leser. Schaffe stattdessen Texte, die sie gerne lesen – weil sie den biologischen Anlagen des Menschen entsprechen.

Sind Deine Texte gehirngerecht genug? Prüfe es mit dem Textanalyse-Tool der WORTLIGA.

Quellen:

[1] https://www.typolexikon.de/sakkaden/

Bilder von geralt & Robin Higgins

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