„Einfache Sprache ist nicht so leicht“, stellte der Deutschlandfunk Ende 2020 fest. Verständliche Nachrichten sind ein deutsches Großprojekt. ARD-aktuell und WORTLIGA sprachen in einer Sendungskritik über Probleme, Chancen und Lösungen für verständliche Nachrichten.

Berichtet die Tagesschau für alle verständlich? Diese Frage stellt sich die ARD stetig. Ein hochrangiges Team von ARD-aktuell und Gidon Wagner von WORTLIGA analysierten die Sprache der 20-Uhr-Nachrichten. Hier findest Du wichtige Erkenntnisse aus der Expertenrunde – Analysen, Probleme und Lösungen für einen verständlichen Nachrichten-Journalismus.

Mehr als 11 Millionen Zuschauer schalten täglich die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau ein. Umso wichtiger ist, dass die Nachrichten bei allen Zuschauern eindeutig und klar ankommen. Im September 2023 hatte WORTLIGA in einer Studie festgestellt, dass viele Nachrichtenseiten schwer zu verstehen sind – darunter Tagesschau.de. Daraufhin lud ARD-aktuell Gidon Wagner von WORTLIGA zu einer Sendungskritik ein.

Tagesschau um 20 Uhr: Eine Analyse

In den Gesprächen mit ARD-aktuell ergaben sich wichtige Erkenntnisse über die Probleme und Chancen der Nachrichtensprache. Ein Fazit der WORTLIGA lautet: Gesprochene Nachrichten haben dieselben Probleme wie geschriebene Texte:

  • Floskeln erschweren es Zuschauern, den Kern der Nachricht zu verstehen und verringern die Aufmerksamkeit. „Menschen zeigen klare Kante gegen Rechts“; „Haldenwang begrüßt Proteste“, „AfD verzeichnet Zuwachs“ – all das sagt viel weniger als: Menschen sagen nein zu Rechts, Haldenwang freut sich über Proteste oder Immer mehr Menschen wählen die AfD.
  • Komplexe Formulierungen wie Passiv und Nominalstil erschweren es, den Nachrichten zu folgen und machen Zusammenhänge unklar. 
  • Lange Sätze sowie komplizierte Wörter erschweren das Verständnis und lenken vom Kern der Nachricht ab.

Dazu weitere Beispiele (nicht von Tagesschau):

  • Die passive Formulierung „Die Erhöhung der Zinsen wurde von der Europäischen Zentralbank beschlossen“ verwandelt die Nachricht in eine unpersönliche und distanzierte Aussage. Eine aktivere und klarere Formulierung wäre: „Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen erhöht.“ Ebenso macht der Nominalstil Aussagen oft schwerfällig, wie in „Die Durchführung von Reformen ist für die Regierung eine Priorität.“ Direkter und verständlicher ist: „Die Regierung will Reformen schnell umsetzen.
  • Ein Satz wie „Angesichts der Tatsache, dass die Inflationsraten weiterhin ein Niveau erreichen, das über den Prognosen der Wirtschaftsexperten liegt, ist die Regierung bestrebt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen“ macht die Kernbotschaft unklar. Eine prägnantere Formulierung könnte lauten: „Weil die Inflation höher als erwartet ist, plant die Regierung Gegenmaßnahmen.“ Ebenso verwirren Fachbegriffe und komplizierte Wörter, in Sätzen wie „Der fiskalpolitische Spielraum wird zunehmend enger.“ Eine einfachere Aussage wäre: „Der Staat hat weniger Geld zum Ausgeben.“ Solche Vereinfachungen helfen dabei, den Kern der Nachricht schnell und klar zu erfassen.

Wie klingen klare Nachrichten?

Ein Problem in der Nachrichtenbranche ist die oft undurchsichtige Sprache von Politikern und Wirtschaftsführern. Ihre Aussagen sind häufig vage und unklar, was Menschen verwirrt und zu Missverständnissen führt.

Fachsprache und Jargon sind in vielen Berufsfeldern üblich, und die Nachrichtenwelt ist keine Ausnahme. Der journalistische Berufsstand übernimmt Sprache aus der Politik und der Wirtschaft. Fachsprache wird für viele Journalisten zur Gewohnheit,  was jedoch für das breite Publikum oft schwer verständlich ist. Bei Begriffen wie „Bezüge“, „Steuerpläne“ oder „staatliche Finanzmittel“ wissen Zuschauer bestenfalls ungefähr, was gemeint ist. Dabei entstehen aber auch viele Missverständnisse.

Hier sieht WORTLIGA großes Potenzial für Verbesserungen. Der Nachrichten-Journalismus sollte:

  • Fachsprache vermeiden oder erklären
  • Einfache und klare Worte verwenden
  • Politiker-Slang entwirren

So werden Nachrichten präziser und ein größeres Publikum fühlt sich persönlich angesprochen. Solche Vereinfachungen führen aber auch dazu, dass Medienmacher, Sprecher und Politiker klarer Stellung beziehen müssen.

Offizielle Sprache erschwert Journalismus und Teilhabe des Publikums

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist, wenn Bundesfinanzminister Christian Lindner in einem Tweet von „verfassungsrechtlichem Nachholbedarf“ beim Kinderfreibetrag spricht. Solche abstrakten Äußerungen lassen Zuschauer in einem Nebel aus Annahmen zurück. Was meint der Minister? Sollen Gesetze geändert werden? Verstoßen aktuelle Regelungen gegen die Verfassung? Klare, direkte Formulierungen würden hier helfen, Missverständnisse zu vermeiden und die Nachricht verständlicher zu machen.

Ein weiteres Beispiel aus der Tagesschau-Sendung vom 21. Januar 2024 lautete: „Die Ampelkoalition ist sich nicht einig über Steuerpläne für Eltern.“ Was bedeutet das konkret? Eine präzisere Formulierung wäre: „Die Ampelkoalition hat unterschiedliche Meinungen darüber, wie viel Steuern Eltern in Zukunft zahlen sollen und wie viel Kindergeld Familien bekommen.“ Solche klaren Aussagen helfen nicht nur dem Verständnis, sondern fordern auch eine deutlichere Positionierung der Beteiligten.

Wenn offizielle Sprecher sich klarer und konkreter ausdrücken würden, wären ihre Botschaften deutlicher und genauer. Journalisten stehen jedoch vor der Herausforderung, diese Aussagen korrekt wiederzugeben, ohne dabei den Sinn zu verfälschen oder falsche Informationen zu verbreiten. Dafür wäre oft mehr Recherche nötig, zu der die Zeit fehlt.

dpa und Co.: Klare Sprache würde helfen

Die Sprache von Presse-Agenturen ist ein spezielles Problem: Häufig stammt die Fachsprache aus den Meldungen von dpa und anderen Agenturen. Redaktionen arbeiten mit diesen Texten und ihnen fehlt die Zeit, zu vereinfachen. Das sorgt dafür, dass Nachrichten oft schwer zu verstehen bleiben.

Alle tragen Verantwortung für verständliche Kommunikation

Letztendlich liegt die Verantwortung für eine klare und verständliche Sprache bei allen, die Informationen an die Öffentlichkeit geben. Das umfasst sowohl Journalisten und Redakteure als auch die Quellen dieser Informationen, wie Presse-Agenturen, Politiker und Wirtschaftsführer. Sowohl ARD-aktuell, als auch WORTLIGA haben das Ziel, Nachrichten verständlicher zu machen.

Die Sprachkritik und der Dialog von ARD-aktuell mit WORTLIGA sind ein wichtiger Schritt. Er fördert Transparenz und Zugänglichkeit der Medien.

Über WORTLIGA

WORTLIGA entwickelt das kostenlose Online-Tool WORTLIGA Textanalyse sowie KI-Software für verständliches Schreiben. Die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. empfiehlt das WORTLIGA-Tool für bürgerfreundliche Texte und verständliche Verwaltungssprache. Die WORTLIGA bietet neben ihrer Software auch Schulungen und Online-Kurse für verständliche Sprache in Behörden und Unternehmen an.

Über Gidon Wagner

Gidon Wagner ist Experte für verständliche Kommunikation. Er ist Gründer der WORTLIGA und entwickelt im Team die WORTLIGA Textanalyse. Außerdem bildet er in seinen Kursen Texter aus und schult verständliches Schreiben. In seiner Beratung begleitet er Unternehmen und Behörden dabei, auf verständliche Kommunikation umzustellen. Gidon Wagner arbeitet seit 2005 als Journalist.

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Die DIN SPEC 33429 entwickelten Fachleute im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Dabei waren Vertreter aus den Bereichen Regierung, Wissenschaft, Design, Übersetzung und Prüfung sowie aus Verlagen beteiligt.

Der Entwurf enthält unter anderem:

  • Regeln für das Übersetzen und Schreiben von Texten in Leichter Sprache.
  • Wege, um Texte verständlicher und besser lesbar machen.
  • Empfehlungen zur sprachlichen und visuellen Gestaltung.
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  • Anforderungen an die Fähigkeiten von Menschen, die Texte erstellen, prüfen und gestalten.

Den kostenlosen Entwurf der DIN-Norm lädst Du beim Beuth-Verlag herunter (nach Anmeldung)

Der DIN e.V. will die „Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache“ im Herbst 2023 veröffentlichen. Das Dokument mit dem Kürzel „DIN SPEC 33429“ soll auch in Leichte Sprache übersetzt werden.

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